Interviews mit und über Anton Schmitt

 

 

Lampertheim

 

Serie Heimat Der Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt beschreibt im Interview, wie und wo er seine Heimat findet

 

Ich bin auf dem Weg zu mir selbst

 

15. August 2018

 

 Am Friedensbrunnen Lampertheim ins Gespräch über das Thema „Heimat“ vertieft: der Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt (l.) und „Südhessen-Morgen“-Redakteur Uwe Rauschelbach:

 

© Nix

 

Lampertheim. Sein Leitspruch ist ein Zitat von Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Insofern sollte es inter-essieren, was ein Philosoph wie der Lampertheimer Denker Anton Schmitt über die menschliche Sehnsucht nach einer Heimat zu sagen hat. Wahrheit, so die Vermutung, kann selbst so etwas wie Heimat stiften.

 

Herr Schmitt, warum ist das Thema Heimat im Augenblick in aller Munde?

 

 

Anton Schmitt: Das Thema ist zwar in der universitären Philosophie nicht so aktuell, aber in der Gesellschaft durchaus. Mit dem Reden über Heimat verbunden ist sicherlich das Bedürfnis nach einer eigenen Identität. Und Identität konstituiert sich im Wesentlichen durch Abgrenzung von Anderen, Fremden – nämlich gegenüber dem, was man nicht zu dieser Heimat hinzurechnet.

 

 

Ist die Tatsache, dass wieder neu über Heimat gesprochen wird, ein Zeichen dafür, dass sich viele Menschen gar nicht beheimatet fühlen? Heimat also als Sehnsucht nach etwas, das es nicht mehr gibt?

 

Schmitt: Ja. Man wächst ja zunächst in eine Sprachgemeinschaft hinein, und die Sprache stellt ein bestimmtes Weltbild her. Doch in Zeiten der Multikulturalität und der Globalisierung trifft man auf Menschen, die eine andere Sprache sprechen oder anders aussehen. Und auf einmal fühlt man sich in der gewohnten Heimat nicht mehr zu Hause.

 

 

Wie sehr fühlen Sie sich zu Hause – oder ist man als Philosoph in geistigen Welten beheimatet?

 

Schmitt: Ich bin in Lampertheim aufgewachsen, doch ich empfinde es nicht mehr als meine Heimat. Tatsächlich würde ich meine Heimat eher in geistigen Gefilden verorten. Meinesgleichen sind die Philosophen, mit denen ich mich beschäftige, oder die Menschen, mit denen ich mich in philosophischer Weise austauschen kann.

 

 

Kann man sich also im Grunde überall auf der Welt neu beheimaten?

 

Schmitt: Ich denke schon. Der Begriff des Kosmopoliten hat ja schon Diogenes in der Tonne propagiert, um sich von der bürgerlichen Polis abzugrenzen. Die alten Kosmopoliten haben sich als Menschen von überall und nirgendwo verstanden. Das ist nicht jedem gut bekommen: „Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“, klagt Georg Trakl. Und auch mir ist meine Heimat mit der Zeit ziemlich fremd geworden. Das bringt mich auf Sokrates, der die Hoffnung auf eine bessere Welt hatte. Diesem Traum hänge ich in gewisser Weise nach.

 

 

Entfremdet man sich als denkender Mensch unweigerlich von der Welt um einen herum?

 

Schmitt: Das bleibt nicht aus. Denn Denken heißt Unterscheiden, auch nein sagen zu können zu dem, was vorgegeben ist. In der Konsequenz heißt das, prinzipiell eine kritische Haltung zu dem einzunehmen, was sich in der Welt täglich abspielt. Das führt dann zu einer Distanz, zu einer Art Trennung.

 

 

Wie lässt sich das Bedürfnis nach Heimat mit der Notwendigkeit in unserer Zeit vereinbaren, sich gegenüber dem Fremden zu öffnen?

 

Schmitt: Ohne eine Akzeptanz des anderen – und zwar „auf Augenhöhe“ – werden wir eine gemeinsame Zukunft nicht bewältigen können. Dabei gilt es aber zu bedenken: Wer sich nicht selbst gefunden hat, kann sich auch nicht verschenken. Nietzsche hat von der schenkenden Tugend gesprochen: Derjenige erst ist im wahren Sinne ein Mensch, der von sich absehen und sich ganz dem anderen zuwenden kann.

 

 

Ist Heimat überhaupt ein philosophischer Begriff?

 

Schmitt: Ich denke schon. Der Begriff ist mit Martin Heidegger stark aufgekommen. Er hat die Philosophie definiert als fundamentales Bedürfnis, sich in der Welt zu Hause zu fühlen. Andere Philosophen wie Platon sehen den Menschen hingegen als Wesen, das prinzipiell in dieser Welt nicht zuhause sein kann.

 

 

Warum ist das so?

 

Schmitt: Der Mensch ist aus dieser Sicht gleichsam nur mit einem Fuß in der Welt beheimatet und zudem nur zeitweise, nämlich mit dem Leib. Mit dem anderen Teil, seinem Geist, steht er nicht in der Welt, sondern der Welt gegenüber. Doch hat Friedrich Nietzsche dagegen gerade die Weisung ausgegeben, den Menschen anders zu sehen, indem er von dem Leib als „großer Vernunft“ gesprochen hat – dies in bewusster Absetzung zu dem, was man üblicherweise als „Vernunft“ begreift, nämlich als Vermögen gegenüber dem Leiblichen, Körperlichen, Natürlichen.

 

 

Wie kann sich der Mensch in der Welt zu Hause fühlen, wenn die Wissenschaft behauptet, alles sei eine Konstruktion – also auch das Ich und das, was dieses Ich wahrnimmt?

 

Schmitt: Auch die Aussage, die Welt sei eine Konstruktion, muss sich ja Zweifel gefallen lassen zum Beispiel in der Hinsicht, dass sie selbst Wahrheit für sich beansprucht, die selbst wiederum nicht nur konstruiert sein will. Und Wahrheit über Unwahrheit zu beanspruchen lässt sich genauso wenig hintergehen wie der Anspruch auf das Gute oder Schöne. Das sollte uns vor Angriffen, also einseitigen Verblendungen sogenannter objektiver Wissenschaften schützen.

 

 

Kann uns das Erleben in der Natur in gewisser Weise beheimaten?

 

Schmitt: Naturerleben halte ich für das Wichtigste, um Heimat zu erleben – zu akzeptieren, dass der Mensch trotz seines geistigen Vermögens Leib und damit Natur ist. Damit verbunden ist die Erkenntnis: Wir stehen nicht der Natur gegenüber, sondern wir sind ein Teil von ihr. Wir sind ein „poröses Wesen“, wie es Ludwig Feuerbach formuliert hat, durch das die Natur andauernd hindurchströmt – sonst könnten wir überhaupt nicht existieren. Natur ist in und um uns. Was wir der Natur antun, tun wir deshalb auch uns selbst an. Und gerade heute kann man sehen, wie sehr wir nicht beheimatet sind, weder in der Natur noch in uns.

 

 

Welche Wege werden Sie gehen, um Ihre Heimat zu finden?

 

Schmitt: Sich zu beheimaten ist eine Art Projekt. Werde der du bist – erkenne dich selbst, lautet die Empfehlung seit altersher. Ich fühle mich heimisch insofern, als ich den Eindruck habe, dass ich mich wenigstens auf dem Weg zu mir befinde. Und zwar in philosophischer Weise, des sich anhaltenden Selbst-Überprüfens, ob ich wirklich bei mir bin, mir selbst gegenüber wahrhaftig bin. Das macht mich zufrieden – auch mit mir selbst. Im Übrigen hat Erich Kästner festgestellt: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Es ist also auch nie zu spät, eine Heimat zu finden.

 

© Südhessen Morgen, Mittwoch, 15.08.2018

 

 

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Interview: Der Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt spricht über Gott

und die Welt – und über sein neues Projekt, das am Freiwilligentag beginnt

„Kant hat mich noch niemals enttäuscht“

Von unserem Redaktionsmitglied Uwe Rauschelbach

Lebt nicht im Elfenbeinturm, sondern mitten unter den Menschen: der kommunikative  Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt.
Lebt nicht im Elfenbeinturm, sondern mitten unter den Menschen: der kommunikative Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt.

Lampertheim.

Anton Schmitt bietet seit mehreren Jahren Philosophiekurse bei der 
Lampertheimer Volkshochschule an. Diese Kurse erfreuen sich nachhaltiger Beliebtheit. Jetzt hat Schmitt neue Pläne: ein Philosophisches Forum für öffentliche Meinungsäußerung.  

Anton Schmitt 
Der in Lampertheim lebende Anton Schmitt (59) bietet seit 25 Jahren Philosophiekurse an der Mannheimer Abendakademie an. 

Die Lampertheimer Volkshochschule hat jährlich mehrere Philosophiekurse unter der Leitung von Anton Schmitt im Programm. 

Neu auf den Weg bringt Schmitt ein Philosophisches Forum für öffentliche 
Meinungsäußerung. Erste Termine:  17. September, 6. November, 4. Dezember. 

 



Schmitt war schon mit 14 Jahren klar, dass er Philosophie studieren will. 
Nach seinem Abitur an der AMS in Viernheim ging er an die Münchener Jesuiten -Hochschule für Philosophie. 
Er studierte an mehreren Philosophischen Fakultäten unter anderem in Bonn und Köln. 

 

 


Heute arbeitet Schmitt an der Fernuniversität Hagen. Er bietet Philosophiekurse in Mannheim, 
Lampertheim, Hockenheim und Speyer an und hat einen Lehrauftrag an der Hochschule für 
Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen. Ferner hält er Seminare an der TU 
München.


Herr Schmitt, was begründet das nachhaltige Interesse an der Philosophie?  


Anton Schmitt: Die Philosophie hat vor 20 Jahren eine Renaissance erlebt. Das hatte mit der 
Erfahrung vieler Menschen zu tun, dass es immer schwieriger wird, in unserer Zeit noch 
Orientierungsmaßstäbe zu gewinnen. Die Lebensentwürfe sind nicht mehr so vorgegeben, wie  in früheren Generationen.  


Verstehen Sie Philosophie als Lebenshilfe im weitesten Sinn?  

Schmitt: Ja, darin besteht mein Hauptanliegen. Ich lege Wert darauf, dass die Seminare den 
Teilnehmern wirklich etwas bringen, also nicht im Sinne einer Belehrung und einer 
Anhäufung von Wissen. Mir geht es darum zu zeigen, wie Philosophie dazu beitragen kann, 
das Leben zu verbessern und zu vertiefen.  

Nun wird Philosophie gemeinhin als abstrakt oder abgehoben empfunden. Warum ist das so?  

Schmitt: Weil es so ist. Ganz einfach. Das hat etwas mit einem gewissen Qualitätsniveau zu 
tun, auf dem sich philosophisches Denken ereignet.  

Leisten Sie demnach eine Art Verständnis- oder Übersetzungshilfe?  

Schmitt: Das kann man so sagen. Die alte sokratische Methode besagt ja, bei eigenen 
Erfahrungen anzusetzen. Denn an den eigenen Erfahrungen kann man die Leute abholen.

 

Orientieren Sie sich dabei an der sokratischen Methode: Fragen zu stellen statt Antworten zu 
geben?  

Schmitt: Ja. Viele erwarten von der Philosophie Antworten auf ihre Fragen und sind dann 
enttäuscht, wenn das Gegenteil eintritt: Die Philosophie stellt in Frage, was immer schon als 
Überzeugung, als das Richtige oder das Wahre gegolten hat.  

Inwiefern kann die Philosophie vermeiden, ein Angebot unter vielen zu sein?  

Schmitt: Das liegt in der Philosophie selbst begründet. Das Abendland verfügt über eine 
mehrtausendjährige philosophische Tradition. Wir schauen in die Geschichte der Philosophie, 
um aus Überzeugungsgewohnheiten, in denen wir aufgewachsen sind, ausbrechen zu können. 
Die Philosophiegeschichte zeigt, dass es grundsätzliche Fragestellungen gibt, aber 
unterschiedliche Lösungen. Letztendlich wollen wir in die Lage kommen, Argumente 
selbstständig prüfen zu können. Philosophie lebt von grundsätzlicher Offenheit. In dem 
Moment, in dem jemand nicht mehr bereit ist, sich mit anderen Standpunkten 
auseinanderzusetzen, ist das Ende der Philosophie erreicht.  

Kann die Philosophie helfen, Dinge zu relativieren? Etwa bei der Empfindung, in der 
schlimmsten aller Zeiten zu leben  

Schmitt: Der philosophische Grundsatz lautet: Alles ist in Frage zu stellen und zu bezweifeln. 
An diesem Grundsatz kann man natürlich auch eine solche pessimistische Haltung messen. 
Aber einem Philosophen geht es stets um eine realistische Bewertung dessen, was ist. Und da 
lassen sich gewisse Kennzeichen für eine krisen- oder gar katastrophenartige Zeit durchaus 
erkennen. Man merkt das auch am Zuspruch auf bestimmte Themen: So interessiert die 
Besucher meiner Seminare vor allem die Themen Gerechtigkeit und Toleranz.  

Ist die Frage nach Gott nicht mehr aktuell?  

Schmitt: Doch, durchaus. Aber ein Glaube an Gott ist heute nicht mehr selbstverständlich. 
Doch im Grunde bleibt es eine Frage, die alle Menschen bewegt: Gibt es Gott und was hat 
man sich darunter vorzustellen?  

Aber wie geht man als Philosoph vor angesichts der großen Stofffülle?  

Schmitt: Es geht in der Philosophie immer um das Selbe, nämlich das Ganze. Stellen Sie sich 
ein Haus vor mit vielen Fenstern. Man kann aus vielen Fenstern hineinschauen, sieht immer 
den gleichen Innenraum, aber immer aus einer anderen Perspektive. Es ist also im Prinzip 
egal, mit welchen Philosophen man beginnt. Ich will schauen, wo für mich eine Tür - oder 
eben ein Fenster - aufgeht. Manchmal erschließen sich Philosophen leichter über 
Nebenschriften als über Hauptwerke. Auch Briefe oder Mitschriften von Vorlesungen können 
Türöffner sein.  

Gibt es für Sie Leitgestirne in der Philosophie?  

Schmitt: Eine starke Verbindung habe ich zu Kant, Hegel und Hume, weiter zurück zu Platon 
und Aristoteles. Das Gute bewährt sich und bleibt einem lebenslang erhalten. Von Kant kann 
man niemals enttäuscht werden. Kants Grundfragen: Was können wir wissen? Was sollen wir 
tun? Was dürfen wir hoffen? lassen sich zusammenfassen in der Frage: Was ist der Mensch? 
Diese Frage schlägt eine Brücke zurück nach Sokrates: Nur ein geprüftes Leben ist ein gutes

Leben. Natürlich kann man einfach so dahinleben, aber es gehört zur Dimension des 
Menschlichen, sich Gedanken über ein gutes Leben zu machen.  

Wie verhält sich ein Philosoph zur aufgewühlten Zeit, in der wir leben?  


Schmitt: Die aktuelle Situation relativiert sich, wenn ich mich mit der Menschheitsgeschichte 
befasse. Das schenkt ein wenig Gelassenheit.  

Wird man als Philosoph eher skeptischer oder optimistischer?  

Schmitt: Die Skepsis ist das Handwerkszeug des Philosophen. Insofern ist der Philosoph der 
universelle Protestant: Er protestiert gegen feste Überzeugungen. Er ist der Asket des Lebens. 
Aber ich selbst wünsche mir, weder skeptischer noch optimistischer, sondern realistischer zu 
werden.  

Kann man als Philosoph an Gott glauben?  

Schmitt: Francis Bacon hat gesagt: Ein wenig Philosophie macht einen zum Atheisten, mehr 
Philosophie macht einen zum Gläubigen.  

Also lohnt es sich, an dieser Stelle wachsam zu bleiben?  

Schmitt: Ja. Kant hat ja gezeigt, dass es unmöglich ist, Gott zu beweisen. Aber das heißt eben 
auch: Wir können nicht beweisen, dass Gott nicht existiert. In diesem Möglichkeitsraum 
findet der Glaube seine Rechtfertigung.  

Was planen Sie mit dem Philosophischen Forum?  
Schmitt: Ich bin da und man kann mit mir reden. Das ist eigentlich alles. Ich möchte mit 
jedem, den ein Thema bewegt, ins Gespräch kommen. Auftakt ist beim Freiwilligentag am 
Sonntag, 17. September, ab 11 Uhr, auf der Domwiese. Danach finden die Gespräche an 
jedem er sten Sonntag im Monat statt, außer in den Ferien oder an Feiertagen. Die nächsten 
Termine sind der 6. November und der 4. Dezember. Ort ist das Alte Rathaus.  

Braucht man für eine Teilnahme an diesem Gespräch philosophische Vorkenntnisse?  

Schmitt: Nein. Ich habe auch schon mit Kindern philosophiert. Selbst daraus sind viele 
interessante Gespräche entstanden.  

© Südhessen Morgen, Samstag, 06.08.2016